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Ein Drittel der befragten Berufstätigen in Deutschland erlebt Diskriminierung

Arbeitgeber überbieten sich derzeit darin, sich mit ihrem Engagement für Vielfalt und Weltoffenheit zu brüsten. Zu wichtig ist dieser Aspekt für die Jobsuche geworden und zu groß die Angst, dringende benötigte Fachkräfte durch mangelnde Kompetenz in diesem Bereich abzuschrecken. Wie sieht aber die Realität von Berufstätigen in Deutschland aus? Erleben Sie Diskriminierung am Arbeitsplatz? 

Glassdoor veröffentlicht Ergebnisse der internationalen Diversity & Inclusion Study

Glassdoor, eine der größten Job- und Recruiting-Plattformen weltweit, ist diesen Fragen mit der internationalen “Diversity & Inclusion Study 2019” nachgegangen, die Einblicke in alltäglich erlebte Diskriminierung bei der Arbeit in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA ermöglicht. Mehr als ein Drittel der befragten deutschen Berufstätigen gab an, bereits Diskriminierung am Arbeitsplatz selbst erfahren oder beobachtet zu haben. Die Umfrage wurde unter 645 deutschen Berufstätigen im Juli 2019 durchgeführt. Gleichzeitig förderte eine Analyse von Stellenanzeigen auf Glassdoor zu Tage, dass Arbeitgeber in Deutschland ihre Anstrengungen für Vielfalt und Inklusion im Vergleich zum Vorjahr um verstärkt haben, indem sie 79% mehr Jobs in diesem Bereich ausgeschrieben haben.

 

Benachteiligung aufgrund des Geschlechts mit 24% am häufigsten angegeben

Die Umfrageergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Wirklichkeit in Unternehmen in Deutschland nicht mit der schönen Fassade, die Toleranz und Offenheit suggerieren möchte, Schritt halten kann. 37% der befragten Berufstätigen haben bereits in einer Form Diskriminierung am Arbeitsplatz selbst erfahren oder beobachtet. Nach spezifischen Formen der Benachteiligung gefragt, rangiert die Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes mit 24% an erster Stelle. Gefolgt von Altersdiskriminierung mit 22%, Rassismus mit 21% oder Benachteiligung aufgrund von sexueller Orientierung mit 15%. In allen Fällen wurden die Umfrageteilnehmer danach gefragt, ob sie diese Art der Diskriminierung bereits selbst am Arbeitsplatz selbst erfahren oder beobachtet haben. 

“Viele Teilgruppen von Berufstätigen erfahren alltäglich Diskriminierung in ihrem Berufsleben. Es bleibt zu hoffen, dass Unternehmen ihre Anstrengung für mehr Gleichberechtigung und Vielfalt in ihren Belegschaften verstärken und nicht nur Kosmetik betreiben. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und demografischem Wandel könnte letzteres schnell zum Bumerang werden. Insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass laut der Umfrage gerade Millenials und die Generation Z mehr Engagement der Arbeitgeber für Diversität fordern”, so Felix Altmann, Arbeitsmarktexperte bei Glassdoor. 

 

Internationaler Vergleich: Deutsche Umfrageteilnehmer erleben seltener Diskriminierung 

Auffällig ist, dass deutsche Berufstätige ihren Angaben zur Folge weitaus seltener Diskriminierung selbst erfahren oder beobachten. Sowohl übergreifend als auch bei den einzelnen Formen der Benachteiligung fallen die Werte bei deutschen Umfrageteilnehmern signifikant niedriger aus. Unter dem Strich liegen sie in allen Kategorien um circa 10% unter dem Durchschnitt der weiteren untersuchten Länder. Demnach machen beispielsweise die Befragten aus den USA tendenziell die stärksten Erfahrungen mit Diskriminierung. So werden Rassismus (42% vs. 21%) und Altersdiskriminierung (45% vs. 22%) laut der Umfrage doppelt so häufig in den USA erlebt oder beobachtet wie in Deutschland . 

 

Fast die Hälfte der deutschen Befragten bescheinigt Arbeitgebern verstärktes Engagement

Eine mögliche Ursache für die im Vergleich niedriger ausfallenden Umfragewerte für Deutschland liefert die Befragung gleich mit: Viele Unternehmen in Deutschland sind von der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiterschaft offenbar nicht so divers aufgestellt, dass Anlässe für offene Diskriminierung entstehen. Zwar geben 62% der deutschen Befragten an, dass sie bei einem Arbeitgeber arbeiten, der über eine diverse Belegschaft verfügt. Das heißt im Umkehrschluss allerdings auch, dass 38% der Berufstätigen in Betrieben arbeiten, in denen das nicht der Fall ist. Mehr als ein Drittel der Befragten arbeiten also in Unternehmen, deren Belegschaft tendenziell homogen zusammengesetzt ist. Der Anteil der Unternehmen, die vielfältig aufgestellt sind, liegt nach der Befragung deutlich unter dem internationalen Durchschnitt von 71% (vs. 62%). Im klassischen Einwanderungsland USA geben sogar 77% der Befragten an, in einer von Vielfalt geprägten Belegschaft zu arbeiten. 

“Wer die Ergebnisse nur oberflächlich betrachtet, könnte zu dem Schluss kommen, dass deutsche Unternehmen in Sachen Vielfalt und Gleichberechtigung gut aufgestellt sind. Das wäre allerdings zu kurz gesprungen. Zum einen ist der Anteil der deutschen Befragten, die Diskriminierung erleben, mit mehr als einem Drittel für sich genommen sehr hoch. Zum anderen liegt die wahrgenommene Diskriminierung auch immer im Auge des Betrachters. Daher könnte die Ursache für die geringeren Werte auch in der mangelnden Sensibilisierung für Diskriminierung am Arbeitsplatz liegen”, so Altmann weiter.

Positiv bleibt festzuhalten, dass 47% der Befragten ihren Unternehmen attestieren, dass sie die Anstrengungen für Diversität und Inklusion verstärkt haben. 44% der Umfrageteilnehmer fordern für die Zukunft ein noch stärkeres Engagement der Arbeitgeber für das Thema. Dieser Wert steigt auf 54% in der Altersgruppe der 18-34-Jährigen.

 

Mehr Stellen rundum Diversität und Inklusion ausgeschrieben

Der Eindruck der Befragten, dass Unternehmen ihre Anstrengungen für Diversität und Inklusion verstärken, wird auch durch eine Analyse von Stellenanzeigen auf Glassdoor untermauert. Im August 2019 waren insgesamt mehr als 1.000 Stellen für diesen Bereich ausgeschrieben. Rund 800 davon entfielen auf die USA. In Deutschland waren immerhin 52 Jobs mit diesem Fokus ausgeschrieben. Das entspricht einem Wachstum von 79% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dazu zählen zum Beispiel Job-Titel wie “Gleichstellungsbeauftragte/r” oder “Diversity Manager/in”. Die meisten davon sind im öffentlichen Bereich, zum Beispiel im Gesundheitssektor oder in der Verwaltung, ausgeschrieben, also Bereiche, in denen es gesetzlich verpflichtend ist, solche Stellen zu schaffen. Die Privatwirtschaft hinkt im Vergleich noch hinterher, aber auch dort gibt es Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen wie beispielsweise Zalando, die mit Sarah Cordivano eine Senior Diversity & Inclusion Officer beschäftigen oder Babbel, die große Anstrengungen unternehmen ihre Stellenanzeigen gender-neutral zu formulieren, um Kandidatinnen zur Bewerbungen auf Tech-Positionen zu ermutigen. Mit Sarah Cordivano haben wir uns darüber unterhalten, welchen Aufgaben sie in ihrer Rolle nachgeht.

“Es ist ein positives Zeichen, dass Unternehmen ihre Anstrengungen in diesem Bereich verstärken. Jobsuchende – gerade aus häufig diskriminierten Teilgruppen – sollten im Bewerbungsprozess hinterfragen, wie ernst es Unternehmen mit ihrem Engagement meinen und gut recherchieren, ob beim potenziellen neuen Arbeitgeber Toleranz und Weltoffenheit wirklich fest in der Kultur verankert sind”, so Altmann.

 

Die Zusammenfassung der Diversity & Inclusion Study 2019 kann HIER heruntergeladen werden.

Die Analyse des Economic Research Teams von Glassdoor ist in dem Blogartikel Increasing Investment in Diversity & Inclusion: Evidence From the Growing Job Market zusammengefasst. Die Untersuchung förderte auch zu Tage, dass Diversität in Arbeitgeberbewertungen aus Deutschland auf Glassdoor über die letzten Jahre im Gegensatz zu den USA und Großbritannien immer häufiger in einem positiven Kontext hervorgehoben wird. 

Wer vor einer Jobentscheidung wissen möchte, wie es um Diversität in einem Unternehmen bestellt ist, kann durch Arbeitgeberbewertungen auf Glassdoor erfahren, wie ehemalige und aktuelle Mitarbeiter ihr Unternehmen in dieser Hinsicht einschätzen. 

 

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Methodik

Die Online-Umfrage wurde in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland von The Harris Poll im Auftrag von Glassdoor vom 29. bis 31. Juli 2019 unter 3.137 Berufstätigen (Vollzeit und Teilzeitangestellte sowie Selbstständige), darunter 645 Teilnehmer in Deutschland, 1.113 in den USA, 725 in Großbritannien und 654 in Frankreich. 

Die Analyse von Stellenanzeigen durch Glassdoor Economic Research basiert auf einer Textsuche nach Begriffen, die mit dem Themenfeld Diversität und Inklusion in Verbindung gebracht werden, in der Datenbank mit aktuellen Stellenanzeigen von Glassdoor. Es wurde auch nach entsprechenden Begriffen in Deutsch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch gesucht. Daraus ergab sich die Anzahl der jeweiligen offenen Stellen in diesem Bereich in den untersuchten Ländern. Jobtitel und Senioritätsstufen wurden unter Verwendung eines Modells für maschinelles Lernen in einen kleinen Satz von kanonischen Titeln und Stufen gruppiert, die von Glassdoor definiert wurden. Um die Auswirkungen der Volatilität von Woche zu Woche zu verringern, wurden alle Daten mit einem vierwöchigen Mittelwert geglättet.