Was ist New Work? Chancen für den Arbeitsalltag
Hannes Jarisch
Hannes Jarisch | Autor & Karriere-Experte bei Glassdoor | 9. Nov. 2023
Die Arbeitswelt ändert sich und ein großer Teil dieser Änderungen wird unter dem Begriff „New Work“ zusammengefasst. Eine eindeutige Definition von New Work ist dabei gar nicht so einfach zu formulieren, allerdings geht es bei den Konzepten und Ideen stets darum, wie sich Arbeitsalltag und Arbeitsumgebung jetzt und in naher Zukunft ändern werden. Was New Work genau ist, wie es sich auf Ihren Job auswirkt und wie Sie damit zu mehr Zufriedenheit und Erfüllung an Ihrem Arbeitsplatz kommen, erfahren Sie hier.
New Work: Eine neue Form der Arbeit?
Die Arbeitswelt ist aktuell vielen Veränderungen unterworfen, was unter anderem an der zunehmenden Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung deutlich wird. Viele Aufgaben, die früher manuell durch Mitarbeiter:innen erledigt worden sind, laufen heute vollkommen automatisiert ab. Und dieser Trend wird sich in Zukunft noch weiter verstärken. Der Einsatz und die Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) hat das Potential, die Arbeitswelt und die Berufe der Zukunft in den nächsten Jahren nachhaltig zu beeinflussen.
Auch die Anforderungen an Mitarbeiter:innen unterliegen seit einiger Zeit einem starken Wandel. Während Karrierewege in der Vergangenheit häufig nur nach „harten“ Gesichtspunkten wie Einkommen, Prestige und Aufstiegsmöglichkeiten bewertet wurden, spielen mittlerweile andere Faktoren eine immer größere Rolle, beispielsweise eine attraktive Work-Life-Balance, also die Vereinbarkeit von Privatleben und Karriere. Auch die Sinnhaftigkeit des eigenen Jobs wird für viele Arbeitnehmer:innen immer wichtiger.
Viele dieser Änderungen lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: New Work. Doch was versteht man darunter eigentlich?
Definition: New Work
Als „New Work“ bezeichnet man neue Ideen bezüglich der Gestaltung von Arbeit, die sich aufgrund von technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben, und deren Ziel es ist, die Zufriedenheit und Produktivität zu erhöhen. Aufbauend auf aktuellen Änderungen wie Digitalisierung und Globalisierung wird dabei vor allem mehr Freiheit, Eigenverantwortung und Erfüllung im Job angestrebt.
„New Work ist ein Ansatz - oder auch ein Mindset - welcher den Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen in den Vordergrund stellt“, sagt Tim Ong, Karriereberater und Coach. „Starre, veraltete Strukturen werden aufgebrochen und gegen agilere Formen der Zusammenarbeit ersetzt.“
Aus diesen theoretischen Überlegungen ergeben sich ganz konkrete Änderungen im Arbeitsalltag: „Integraler Bestandteil von New Work ist beispielsweise das orts- und zeitflexible Arbeiten, sowie der Fokus auf Stärken und Talente im Sinne der Weiterentwicklung von Kompetenzen. Sinnhaftigkeit und Purpose fallen meist im gleichen Atemzug mit dem Begriff von New Work.”
Dr. Jo Aschenbrenner, Coach für mentale Gesundheit und Impact Leadership, macht dies an mehreren Beispielen deutlich:
„New Work beeinflusst die Arbeitswelt auf drei Ebenen: Organisation, Führung und Individuum.
- Bei der Organisation geht es um die Hierarchien im Unternehmen, sowohl auf rechtlicher Ebene, wie auch auf organisatorischer Ebene. Des Weiteren zählen dazu die Arbeitsorganisation und Arbeitspraktiken, zum Beispiel Meetings. Außerdem gehört die Unternehmenskultur dazu.
- Beim Thema Führung geht es um die Art und Weise und die Regeln von Führung, also zum Beispiel konventionell (top-down) und ermächtigend gegenüber integral und selbst organisierend.
- Beim Individuum spielt bei New Work die Kompetenz zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis eine entscheidende Rolle.“
Was ist das Ziel von New Work?
Das Ziel von New Work ist es, eine Arbeitsumgebung der Zukunft zu gestalten, in der Mitarbeiter:innen sich wohlfühlen, da auf ihre Wünsche und Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. So werden Unternehmen attraktiver für qualifizierte Arbeitnehmer:innen.
New Work ist im besten Fall die perfekte Synergie aus beruflicher und persönlicher Entwicklung für Mitarbeiter:innen. Es gibt dabei keine strikte Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, stattdessen gestalten Mitarbeiter:innen eigenständig ihren Arbeitsalltag, so wie es am besten zur individuellen Lebenssituation passt. Dem/der einzelnen Mitarbeiter:in wird Vertrauen und Verantwortung seitens des Unternehmens eingeräumt, was wiederum zu unternehmerischem Erfolg und einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit führt.
Tim Ong, Karriereberater
Gerade jüngeren Arbeitnehmer:innen ist es wichtig, dass ihr Job sie mit Sinn erfüllt und glücklich macht. New Work ist daher ein wichtiges Konzept für Unternehmen, um diese Mitarbeiter:innen langfristig an sich zu binden. „New Work soll auch der steigenden Sinnorientierung – insbesondere der Generation Z – im Beruf hinreichend Rechnung tragen“, ergänzt Tim Ong.
Welche Methoden gibt es im New Work?
„Unter dem Begriff New Work wird eine große Vielfalt an Methoden zusammengefasst, angefangen beim Home Office, über Sabbaticals, bis hin zu verschiedenen Teilzeitmodellen“, sagt Tim Ong.
„Zu den weiteren Schlagworten gehören beispielsweise: Scrum, Kanban, Loop Approach oder auch das Coaching zur Selbstführung“, fügt Dr. Jo Aschenbrenner hinzu.
Die häufigsten Methoden finden Sie nachfolgend erklärt.
Generelle Flexibilisierung
New Work lässt sich in der Praxis auf sehr verschiedene Wege umsetzen. Ein Hinweis, dass die Konzepte des New Work sich in der Arbeitsrealität von immer mehr Arbeitnehmer:innen zeigen, wird in der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeit deutlich, die gerade für junge High Professionals wichtig ist. So arbeiten beispielsweise immer mehr Mitarbeiter:innen teilweise oder sogar ganz im Home Office, selbst wenn sie sich in einer Festanstellung befinden.
Daraus folgt, dass Unternehmen gar nicht mehr den Bedarf haben, für alle Mitarbeiter:innen einen festen Arbeitsplatz anzubieten. Stattdessen schwenken auch große Konzerne auf den Trend der Open Desk Büros ein. Hierbei gibt es keine individuellen festgelegten Arbeitsplätze, stattdessen suchen sich Mitarbeiter:innen einfach einen freien Schreibtisch. Das kommt der Idee eines Co-Working-Spaces schon sehr nahe.
Die Flexibilisierung der Arbeit sorgt also dafür, dass die Grenzen zwischen einer Festanstellung und anderen Arbeitsformen wie dem Freelancing als Selbstständiger verschwimmen. Unternehmen könnten in Zukunft vermehrt auf die Zusammenarbeit mit Freelancern setzen, anstatt Mitarbeiter:innen einzustellen.
Veränderte Arbeitszeiten
Eine Flexibilisierung von Arbeit durch New Work zeigt sich auch bei den Arbeitszeiten. Während das traditionelle Arbeitszeitmodell von einer 5-Tage-Woche und 40 Stunden Arbeitszeit ausgeht, sind in den letzten Jahren unter anderem die 4-Tage-Woche und der 6-Stunden-Tag populärer geworden. Beides soll sowohl zu einer höheren Produktivität als auch zu einer gesteigerten Zufriedenheit unter den Mitarbeiter:innen führen, unter anderem durch eine bessere Work-Life-Balance. Aktuelle Studien legen nahe, dass daran durchaus etwas dran ist.
„Darüber hinaus werden auch unterschiedliche Teilzeitmodelle populär“, erklärt Tim Ong. „So gibt es unter anderem Teilzeit-Führungskräfte in einigen Unternehmen, die im Tandem im Rahmen eines Job-Sharings die Arbeit gemeinschaftlich bewerkstelligen, oder auch das Führen einer vollständigen Position in Teilzeit – und das nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern.“
Viele Mitarbeiter:innen legen bei der Suche nach einem neuen Job außerdem Wert darauf, dass die Möglichkeit eines Sabbaticals besteht, also einer längeren Auszeit vom Job, um beispielsweise Reisen zu unternehmen oder sich um Angehörige zu kümmern.
New Leadership: Mehr Verantwortung für Mitarbeiter:innen
Eng verbunden mit New Work ist das Konzept von New Leadership. Flache Hierarchien und Vertrauenskultur sind hier die Schlagworte. Die Zusammenarbeit zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter:innen soll im Team und, soweit wie möglich, auf Augenhöhe erfolgen.
Mitarbeiter:innen werden in Zukunft häufiger eigenständige Entscheidungen in selbstorganisierten Teams treffen, die vorher durch die Führungskraft getroffen wurden.
Tim Ong, Karriereberater
Mitarbeiter:innen werden also generell mehr Eigenverantwortung tragen. Eine wichtige Eigenschaft für Arbeitnehmer:innen in der Zukunft wird daher Problemlösungskompetenz sein, da es zunehmend wichtiger wird, eigenständig und nicht nur nach Weisung zu handeln. Mitarbeiter:innen, die in einem solchen Arbeitsumfeld erfolgreich sind, bringen eine höhere Flexibilität, Verantwortungsbereitschaft und Kreativität mit.
Stetige Weiterentwicklung
New Work setzt generell darauf, dass Arbeit ein dynamischer und niemals statischer Prozess ist. Arbeitsrollen ändern sich, Arbeitszeiten sind flexibel und auch die Anforderungen in einem bestimmten Job sind einem Wandel unterworfen. Diese stetige Weiterentwicklung äußert sich beispielsweise in einer lebenslangen Weiterbildung von Mitarbeiter:innen.
Vorteile von New Work
1. Chance auf höhere Zufriedenheit im Job
Die durch New Work angestoßenen Veränderungen, also beispielsweise kürzere Arbeitstage und damit einhergehend eine bessere Work-Life-Balance, sorgen dafür, dass Mitarbeiter:innen mit ihrem Job generell zufriedener sind.
Eine höhere Eigenverantwortung und mehr Entscheidungsbefugnis von Mitarbeiter:innen können ebenfalls zu einer höheren Zufriedenheit führen, was ganz konkrete Auswirkungen hat, zum Beispiel einen niedrigeren Krankenstand.
Tim Ong, Karriereberater
2. Bindung von qualifizierten Mitarbeiter:innen
Eine direkte Folge der höheren Jobzufriedenheit von Mitarbeiter:innen ist die bessere Bindung dieser Mitarbeiter:innen an die eigene Arbeitsstelle.
Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels gibt es einen Konkurrenzkampf zwischen Unternehmen um qualifizierte Angestellte. Durch die Anwendung von New Work können Konzerne diesen Kampf für sich entscheiden.
3. Wirtschaftlicher Erfolg
„Durch die korrekte Anwendung von New Work-Konzepten kann ein Unternehmen flexibler auf Herausforderungen reagieren, da beispielsweise die Entscheidungswege und Hierarchien flacher sind“, sagt Tim Ong. „Plötzlichen Herausforderungen im Tagesgeschäft kann so schneller und besser begegnet werden, was mit einem größeren wirtschaftlichen Erfolg für das Unternehmen einhergeht.“
Nachteile von New Work
1. Risiken durch Work-Life-Blending
Die Umsetzung verschiedener New Work-Konzepte sorgt dafür, dass Arbeitszeit und Freizeit miteinander verschmelzen können und sich nicht mehr eindeutig voneinander trennen lassen. Dies wird auch als Work-Life-Blending bezeichnet.
„Die mögliche Vermischung von Beruflichen und Privaten erfordert eine höhere Eigenverantwortung und Abgrenzungsfähigkeit von Mitarbeiter:innen“, sagt Tim Ong.
Diesem Risiko sollten Arbeitnehmer:innen aktiv entgegenwirken, zum Beispiel durch die Definition klarer Arbeitszeiten, außerhalb derer man im Home Office nicht erreichbar ist.
2. Erhöhter Organisationsaufwand
Sowohl für Unternehmen als auch für Mitarbeiter:innen bedeutet die Umsetzung von New Work einen erhöhten Organisationsaufwand. Neue Prozesse müssen erst etabliert werden und gerade zu Beginn ist die Gefahr des Scheiterns groß.
Die Übernahme von mehr Eigenverantwortung kann nicht von heute auf morgen geschehen, sondern ist vielmehr ein gradueller Prozess. Auch ist zu berücksichtigen, dass nicht jeder Mitarbeiter mehr Selbstbestimmung haben möchte.
Tim Ong, Karriereberater
Zahlreiche Angestellte berichten auch, dass sie eine traditionelle Arbeitsumgebung in Form eines Büros benötigen und bei der Arbeit im Home Office nicht produktiv sind. Auch Arbeitgeber unterschätzen häufig den Aufwand, der durch das Arbeiten von zu Hause entstehen kann. So sollten Arbeitnehmer:innen auf jeden Fall beim Aufbau Ihres Home Office-Setups unterstützt werden, damit sie produktiv arbeiten können.
3. Erhöhter Druck auf Mitarbeiter:innen
New Work-Konzepte stoßen nicht bei allen Arbeitnehmer:innen auf ungeteilte Begeisterung. Viele Mitarbeiter:innen schätzen gerade die Sicherheit, die ihnen eine Festanstellung mit einem traditionellen Arbeitsvertrag bietet. Der potentielle Druck zur ständigen Verbesserung und Weiterentwicklung im New Work kann auch belastend sein.
Nicht alle Menschen wollen den intensiven Weg der Selbsterkenntnis gehen, denn er tut zuweilen weh, rührt alte Wunden auf und kostet Einsatz. Da bleiben so einige Transformationsprojekte stecken und das ist sehr demotivierend. Diese Situationen rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren, ist Aufgabe der Unternehmen.
Dr. Jo Aschenbrenner, Coach für mentale Gesundheit
New Work: Nachhaltige Veränderung der Arbeitswelt mit vielen Chancen und einigen Risiken
New Work hat die Arbeitswelt bereits in vielerlei Hinsicht geändert. Flexible Arbeitszeiten, neue Führungsmethoden und eine lebenslange Fortbildung von Mitarbeiter:innen sind nur einige der Auswirkungen von New Work auf verschiedene Jobs. Sowohl für Unternehmen, als auch für Mitarbeiter:innen bieten sich durch New Work zahlreiche Chancen, aber auch einige Risiken. Richtig angewendet ist New Work der Weg zu mehr Zufriedenheit, Produktivität und Erfüllung im Job.
„Wir müssen neue Wege in der Arbeitswelt gehen. Diese neuen Wege beginnen immer beim Individuum und gehen dann über die Führung hin zur Organisation“, sagt Dr. Jo Aschenbrenner.
Inwieweit Unternehmen die Ideen des New Work bereits umsetzen, hängt auch von der Unternehmenskultur ab. Ein wichtiges Indiz dafür ist die Option, zumindest einen Teil der Arbeit im Home Office erledigen zu können. Wenn das für Sie bei Ihrem zukünftigen Job eine wichtige Rolle spielt, dann finden Sie die passenden Home Office-Jobs auf Glassdoor.
Dr. Jo Aschenbrenner
Frau Dr. Jo Aschenbrenner, ist Rechtsanwältin, Autorin und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung im Rechtsmarkt. Nach ihrer Tätigkeit bei Freshfields Bruckhaus Deringer in München hat sie gemeinsam mit Markus Hartung das Bucerius Center on the Legal Profession geleitet, das Studien zum Rechtsmarkt und zu Leadership-Themen verfasst und corporate training programs entwickelt hat. Ihr Buch FOR PURPOSE ist das Referenzwerk für radikal moderne Unternehmensführung auf der Basis der Holacracy Praxis und integriert moderne Prinzipien in die Rechtsgrundlagen des Unternehmens. Heute ist sie als Coach für mentale Gesundheit und Impact Leadership virtuell und südlich von Hamburg tätig.

Tim Ong
Tim Ong ist zertifizierter Karrierecoach/-berater, Coach der Positiven Psychologie, IHK-zertifizierter Resilienztrainer und Autor der Bücher „Resilienz im Beruf für Fach- und Führungskräfte“ und „Ein Hoch auf den Montag“.

Hannes Jarisch
Hannes Jarisch ist Karriere-Experte für den Glassdoor-Blog. Erfahren Sie auf dem Autorenprofil mehr über seine langjährige Erfahrung und bisher veröffentlichte Artikel.



