Interkulturelle Kompetenz: Definition und Bedeutung im beruflichen Alltag
Hannes Jarisch
Hannes Jarisch | Autor & Karriere-Experte bei Glassdoor | 30. Mai 2024
In der heutigen international vernetzten Geschäftswelt spielt interkulturelle Kompetenz eine immer wichtigere Rolle, in vielen Stellenanzeigen wird interkulturelle Kompetenz sogar explizit als notwendiger Soft Skill genannt. Dabei steckt hinter dem Ausdruck eine komplexe Definition, die verschiedene Aspekte des Job-Alltags von Mitarbeiter:innen berührt. Lies hier, wie genau interkulturelle Kompetenz definiert ist, mit welchen Maßnahmen du sie ausbauen kannst und wie du deine interkulturelle Kompetenz im Vorstellungsgespräch deutlich machst.
- Definition: Was ist interkulturelle Kompetenz?
- Welche Formen von interkultureller Kompetenz gibt es?
- Beispiele für interkulturelle Kompetenz
- Warum interkulturelle Kompetenz am Arbeitsplatz wichtig ist
- Was ist interkulturelle Kompetenz nicht?
- Wie erlernt man interkulturelle Kompetenz?
- Karriere-Experten im Interview
- Interkulturelle Kompetenz: Einer der wichtigsten Soft Skills für deine Karriere
Definition: Was ist interkulturelle Kompetenz?
Als interkulturelle Kompetenz beschreibt man die Fähigkeit, mit Personen aus einem anderen Kulturkreis angemessen, verständnis- und respektvoll umzugehen. Ein solcher respektvoller Umgang ist Voraussetzung, um die Zusammenarbeit in einem internationalen Team oder mit Geschäftspartner:innen aus einem anderen Land erfolgreich zu gestalten.
Anders ausgedrückt: Menschen aus verschiedenen Kulturen empfinden in zwischenmenschlichen Situationen unterschiedliche Dinge als „angemessen“. Eine interkulturelle Sensibilisierung und die sich daraus ergebende interkulturelle Kompetenz zielt darauf ab, diese verschiedenen Normalitäten anzuerkennen und zu verstehen.
Und falls es doch einmal zu Missverständnissen kommt? Dann gehört zur interkulturellen Kompetenz auch die Fähigkeit, auf einen eigenen Fehler angemessen zu reagieren.
Welche Formen von interkultureller Kompetenz gibt es?
„Interkulturelle Kompetenz ist ein recht weit gefasster Begriff, der unter anderem kognitive, affektive und verhaltensbezogene Aspekte einschließt“, erklärt Karriereberater Walter Feichtner. „Das Verständnis für kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten fällt in den kognitiven Bereich. Affektive Aspekte sind insbesondere persönliche Eigenschaften und Kompetenzen wie Empathie und Akzeptanz für Vielfalt. Unter der verhaltensbezogenen Kompetenz wiederum versteht man hauptsächlich die Fähigkeit zur zielgerichteten Interaktion mit anderen Menschen in interkulturellen Situationen.“
„Interkulturelle Kompetenz ist so viel mehr, als eine Fremdsprache zu beherrschen. Es geht vor allem um Sensibilität und Empathie gegenüber anderen Kulturen, anderen Normen und Werten.“
Walter Feichtner, Karrierecoach
Beispiele für interkulturelle Kompetenz
Beispiel 1: Kommunikation am Arbeitsplatz
Auf den ersten Blick ist es vielleicht gar nicht direkt erkennbar, aber hinsichtlich der Kommunikation am Arbeitsplatz gibt es zwischen unterschiedlichen Ländern erhebliche Unterschiede. Während in einem Land eine sehr direkte Kommunikation üblich ist, wird in einem anderen Land Kritik am Arbeitsplatz nur sehr verhalten geäußert.
Eine direkte Kommunikation herrscht beispielsweise in Deutschland oder den Niederlanden. Hier ist es üblich, in einem Meeting angeregt zu diskutieren und auch direkte Kritik an der Arbeit von Kolleg:innen oder sogar Vorgesetzten zu üben.
In zahlreichen asiatischen Ländern, zum Beispiel China und Japan, sieht die Sache anders aus. Hier richtet sich die Kommunikation am Arbeitsplatz an zwei anderen Zielen aus, nämlich dem Streben nach Harmonie und dem Gesicht wahren. Kritik darf deshalb niemals direkt geäußert werden, sondern wird, wenn überhaupt, in blumige und positive Formulierungen verpackt (ähnlich wie es bei deutschen Arbeitszeugnissen üblich ist).
Beispiel 2: Verhalten bei einem Geschäftsessen
Auch das Verhalten bei einem Geschäftsessen wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich gehandhabt. Gehört es in einigen Ländern beispielsweise zum guten Ton, während oder nach dem Essen Alkohol zu trinken, ist dies in anderen Ländern ein absolutes No-Go.
Auch bei der Speisenauswahl gibt es in einem internationalen Setting einiges zu beachten. Während in muslimisch geprägten Ländern kein Schweinefleisch konsumiert wird, gibt es in Indien traditionellerweise kein Rindfleisch und hauptsächlich vegetarische Gerichte.
Beispiel 3: Smalltalk mit Geschäftspartner:innen
Das Thema Smalltalk ist ein besonders heißes Eisen, wenn es um interkulturelle Kompetenz geht. Zwar ist es in vielen Kulturen üblich, sich auch mit Geschäftspartner:innen über unterschiedliche Themen auszutauschen. Allerdings gibt es sehr große Unterschiede hinsichtlich der Frage, welche Themen hierbei akzeptabel sind.
Für deutsche Arbeitnehmer:innen nur schwer vorstellbar: In China ist die Höhe des Gehalts ein beliebtes Smalltalk-Thema unter Kolleg:innen und Geschäftspartner:innen. Grundsätzlich in jedem Land vermeiden solltest du Themen wie Politik oder Religion.
Warum interkulturelle Kompetenz am Arbeitsplatz wichtig ist
Interkulturelle Kompetenz gewinnt aufgrund der Globalisierung und der immer stärkeren internationalen Vernetzung der Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Das siehst du schon daran, dass in vielen Stellenanzeigen explizit Interkulturelle Kompetenz als wünschenswerter Soft Skill genannt wird.
In einem solchen Umfeld, in dem Kund:innen, Lieferant:innen und auch Kolleg:innen aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, hilft dir eine ausgeprägte interkulturelle Kompetenz dabei, Missverständnisse und Unklarheiten zu vermeiden und ein angenehmes Betriebsklima zu erhalten.
Was ist interkulturelle Kompetenz nicht?
Interkulturelle Kompetenz ist keine Eigenschaft, in der du perfekt sein kannst. Vielmehr geht es darum, beim Umgang mit Menschen anderer Herkunft eine grundsätzliche Sensibilisierung an den Tag zu legen, um mögliche Fauxpas zu vermeiden.
Als ausländischer Geschäftskontakt wird von dir in vielen Fällen auch gar nicht erwartet, die gesamte Business-Etikette zu kennen und umsetzen zu können. Im Zweifel ist es sogar besser, lieber auf eine Geste oder Handlung zu verzichten, wenn du dir nicht sicher bist, welche Bedeutung dahintersteckt.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die traditionelle Verbeugung zur Begrüßung in Japan. Hierbei gibt es zahlreiche Details zu beachten, zum Beispiel, wie tief die Verbeugung erfolgen soll. Ausländer haben damit oft Probleme, aber keine Sorge: Gerade bei internationalen Delegationen ist es auch in Tokio und Osaka üblich, sich zur Begrüßung die Hand zu geben.
Wie erlernt man interkulturelle Kompetenz?
Für die Grundlagen interkultureller Kompetenz reichen häufig Fingerspitzengefühl und emotionale Intelligenz aus.
Außerdem hilft es, wenn du dich auch außerhalb des Jobs mit anderen Kulturen beschäftigst. Der Schlüssel dafür sind Fremdsprachen und Auslandsreisen. Eine sehr gute Gelegenheit, um interkulturelle Kompetenz zu erlernen, ist ein Auslandssemester oder Auslandspraktikum im Studium.
Generell ist es eine gute Idee, vor dem ersten Zusammentreffen mit Kolleg:innen, Lieferant:innen oder Kund:innen aus einem anderen Kulturkreis ein wenig Recherche zu betreiben: Wie machst du einen guten ersten Eindruck und was sind mögliche Fettnäpfchen, denen du aus dem Weg gehen solltest?
Wenn es hingegen um Detailwissen bezüglich interkultureller Kompetenz geht, wird es schnell komplex. Deshalb erfreuen sich Seminare, in denen eine Sensibilisierung bezüglich interkultureller Unterschiede erklärt wird, großer Beliebtheit in vielen Unternehmen.
In einem solchen Seminar werden dann zahlreiche herrschende Unterschiede im Business-Alltag erklärt, zum Beispiel, dass man in asiatischen Ländern bei einem Geschäftsessen die ranghöchste Person zuerst begrüßt, während in arabischen Ländern erst der Gastgeber und dann die älteste Person an der Reihe ist.
Karriere-Experten im Interview
Welche Aspekte spielen bei interkultureller Kompetenz eine besonders wichtige Rolle?
Walter Feichtner: „Hier kommt es auf die Situation an. Vor allem kulturelle Sensibilität und Empathie spielen eine herausragende Rolle. Auch Sprachkenntnisse, Offenheit, Toleranz, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an kulturelle Normen und Werte sind wichtig.“
Unser Experte hat auch einen konkreten Tipp:
„Denk immer an die Wirkung dessen, was du tust und sagst, und versetze dich in dein Gegenüber. Dann wirst du auch in unbekannten Situationen angemessen reagieren.“
Volker Klärchen: „Alles steht und fällt mit der Bereitschaft, sich überhaupt mit anderen Kulturen auseinandersetzen zu wollen. Dabei ist es wichtig, persönliche und berufliche Aspekte voneinander zu trennen. Wenn ich mich also zum Beispiel vom Verhalten eines anderen gestört fühle, sollte ich mich zuallererst fragen: Stört es mich persönlich, weil es mir fremd oder seltsam vorkommt? Oder stört es tatsächlich die geschäftlichen Abläufe?“
Der Karriere-Experte macht das Ganze an einem Beispiel aus seinem eigenen Berufsalltag deutlich:
„Ich selbst erinnere mich an ein Seminar, in dem mich ein Teilnehmer fragte, ob er zu bestimmten Zeiten den Raum verlassen darf, um zu beten. Und jetzt stelle man sich vor, ich hätte geantwortet: Nein, damit können Sie warten, bis wir hier fertig sind. Ich bete schließlich auch nicht.
Doch objektiv sah es ja so aus: Er ist auf mich zugekommen, gerade weil er eine Lösung gesucht hat, die es ihm ermöglicht, seinem Glauben nachzugehen und gleichzeitig das Seminar nicht stört. Besser geht’s doch gar nicht!“
Wie kann man seine interkulturelle Kompetenz im Vorstellungsgespräch deutlich machen?
Volker Klärchen: „Am besten natürlich über die eigene Auslandserfahrung. Je mehr Zeit ich in einem anderen Land verbracht habe, desto eher werde ich dort auch die Mentalität, die Sitten und Gebräuche kennengelernt haben.
Die zweitbeste Option: Du hast bereits in interkulturell zusammengesetzten Teams gearbeitet. Dann kannst du deine dort gemachten Erfahrungen im Vorstellungsgespräch teilen und so deine interkulturelle Kompetenz am Beispiel untermauern.“
Aber auch ohne beruflichen Auslandsaufenthalt und die Arbeit in einem internationalen Team kannst du deine interkulturelle Kompetenz im Vorstellungsgespräch deutlich machen, wie unser Experte weiter ausführt:
„Sprich im Job-Interview von eigenen Erlebnissen, bei denen du deine Fähigkeit zum Umgang mit unterschiedlichen Kulturen gezeigt hast. So verdeutlichst du, dass du offen und neugierig bist und das Gespräch mit Anderen suchst.“
Karrierecoach Walter Feichtner ergänzt: „Versuche, diese Fähigkeiten auf den Job, auf den du dich gerade bewirbst, zu übertragen. Damit demonstrierst du direkt deinen Mehrwert für deinen potentiellen neuen Arbeitgeber.“
Welche Fettnäpfchen gibt es im Bereich interkultureller Kompetenzen?
Volker Klärchen: „Da sehe ich zwei große Punkte: Unwissenheit und Fehlinterpretation. In beiden Fällen hilft es, direkt nachzufragen. Kommunikation ist der Schlüssel, wenn es um interkulturelle Kompetenz geht.“
Auch unser Experte passt dabei seine Arbeits- und Kommunikationsweise an das jeweilige kulturelle Umfeld an:
„Ich arbeite sehr gerne und sehr viel mit Humor. Im internationalen Kontext bin ich damit aber anfangs immer vorsichtig, denn gerade Humor wird in unterschiedlichen Kulturen ganz anders gedeutet. Was ich witzig finde, könnte für jemand anderen grenzüberschreitend oder verletzend sein.“
Interkulturelle Kompetenz: Einer der wichtigsten Soft Skills für deine Karriere
Interkulturelle Kompetenz wird in der heutigen international vernetzten Arbeitswelt immer wichtiger und gehört zu den besonders häufig nachgefragten Soft Skills in Stellenanzeigen. Mitarbeiter:innen mit stark ausgeprägter interkultureller Kompetenz fühlen sich auch in internationalen Teams und Arbeitsumgebungen wohl und sind daher bei zahlreichen Arbeitgebern heiß begehrt.
Um deine interkulturelle Kompetenz zu schärfen, sind Auslandsaufenthalte und -reisen perfekt geeignet.
Ein super Gelegenheit, um interkulturelle Kompetenz zu sammeln, ist auch ein Job im Ausland. Lies hier, wie du eine professionelle Bewerbung auf Englisch erstellst, mit der du deinem Traumjob im Ausland einen Schritt näher kommst.
Volker Klärchen
Volker Klärchen ist als Bewerbungscoach in Hamburg tätig. Seit dem Jahr 2010 sorgt er dafür, dass Menschen schneller einen neuen Job finden. Volker Klärchen hilft Kund:innen zum Beispiel dabei, überzeugende Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen und im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sein Motto lautet „Erfolgreich bewerben, ohne sich zu verkaufen.“

Walter Feichtner
Walter Feichtner ist Dipl.-Kulturwirt und Inhaber von Karrierecoach München. Als Coach und Berater ist er Experte für alle Fragen rund um das Thema Karriere und den Bewerbungsprozess. Außerdem ist er an über 30 Unis und Fachhochschulen als Gastdozent tätig.

Hannes Jarisch
Hannes Jarisch ist Karriere-Experte für den Glassdoor-Blog. Erfahren Sie auf dem Autorenprofil mehr über seine langjährige Erfahrung und bisher veröffentlichte Artikel.



