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Politik wird immer mehr zum Tabu im Arbeitsleben

Mature businesswomen discussing project at desk in creative office

Vertragen sich Politik und Arbeit? Meiden Berufstätige politische Äußerungen am Arbeitsplatz oder gehen sie offen mit ihrer Einstellung um? Diesen Fragestellungen ist Glassdoor mit einer repräsentativen Umfrage nachgegangen. YouGov Deutschland befragte dafür 1.066 Berufstätige zwischen dem 10. und 12. März 2020. Bemerkenswert: Nur 30% der Berufstätigen sprechen regelmäßig politische Themen bei der Arbeit an. 

Politik-Talk im Job? Fast die Hälfte der FDP-Anhänger*innen ist dabei

Während insgesamt rund ein Drittel der deutschen Berufstätigen (30%) regelmäßig über politische Themen bei der Arbeit spricht, sind einzelne Gruppen deutlich aktiver als der Durchschnitt. So schneiden immerhin 38% der befragten Männer solche Themen auf der Arbeit an, aber nur 21% der befragten Frauen. Als besonders mitteilungsbedürftig in der Hinsicht dürfen auch FDP-Wähler*innen gelten. 40% von ihnen sprechen laut Umfrage regelmäßig über Politik im Arbeitsumfeld (CDU/CSU: 34%, SPD: 32%, Linke: 33%, Grüne: 25%, AFD: 28%). Auch 40% der Ostdeutschen sprechen häufiger politische Themen an. Unter den westdeutschen Berufstätigen beträgt dieser Anteil lediglich 28%. Zudem nimmt das politische Mitteilungsbedürfnis tendenziell mit dem Lebensalter zu. Während von den 18-24-Jährigen nur jede*r Vierte politische Themen anspricht, liegt dieser Anteil bei den 45-54-Jährigen immerhin bei 32%.

Knapp die Hälfte aller Befragten sieht Politik als Tabuthema auf der Arbeit

44% der Berufstätigen in Deutschland empfinden es unangebracht, im Job über Politik zu sprechen. Von den weiblichen Befragten erklären sogar 54% politische Themen zum Tabu, während sich dieser Anteil bei Männern nur auf 40% beläuft. Unter Linke-Anhänger*innen ist die Vermeidung von politischen Themen am geringsten ausgeprägt. Nur 33% von ihnen wünschen eine klare Trennung zwischen Beruf und Politik (CDU/CSU: 45%, SPD: 45%, Grüne: 46%, FDP: 44%, AFD: 45%). Insgesamt sehen 47% der Befragten keinen Anlass, im Job auf politische Gespräche zu verzichten. 

Berufstätige vorsichtiger mit politischen Äußerungen als noch vor fünf Jahren 

39% der deutschen Berufstätigen sind laut der Umfrage in den letzten fünf Jahren zurückhaltender geworden, was politische Themen im Arbeitsumfeld angeht. Unter AFD-Wähler*innen ist dieser Anteil mit 55% besonders hoch (CDU/CSU: 39%, SPD: 40%, Linke: 33%, Grüne: 32%, FDP: 37%). Fast die Hälfte der deutschen Berufstätigen (49%) hat ihr Kommunikationsverhalten in der Hinsicht in den letzten fünf Jahren nicht angepasst.  

Politik als Karrierekiller? Nur eine Minderheit teilt diese Ansicht

Nur 28% aller Befragten gehen davon aus, dass es ihre Karriere beeinträchtigen könnte, wenn sie offen über politische Themen sprechen würden. AFD-Wähler*innen sind offenbar besonders besorgt. Von ihnen gehen im Vergleich zum Durchschnitt fast doppelt so viele (57%) davon aus, dass es ihnen schaden könnte, während dies nur auf 19% der FDP-Wähler*innen zutrifft (CDU/CSU: 25%, SPD: 26%, Linke: 29%, Grüne: 22%). Ähnlich sorglos zeigt sich die GenZ: Nur 19% der Befragten unter den 18-24-Jährigen gehen von Konsequenzen aus. Dieser Anteil klettert bei den 25-34- und 45-54-Jährigen auf 30%. Insgesamt gehen 58% der Befragten davon aus, dass sie sich ohne jegliche Nachteile im Berufsleben politisch äußern können. Allerdings halten sich 40% aller deutschen Berufstätigen mit politischen Äußerungen zurück, um es sich nicht mit der Chefin oder dem Chef zu verscherzen. 

Fast die Hälfte der Berufstätigen kennt die politische Einstellung der Kolleg*innen

46% aller Befragten sind mit dem politischen Standpunkt der Kolleg*innen weitgehend vertraut. Während 52% der Ostdeutschen ihre Mitarbeitenden politisch einordnen können, sind dazu nur 44% der Westdeutschen in der Lage. Entsprechend ihres höheren politischen Mitteilungsbedürfnisses im Job, kennen auch mehr Männer (54%) als Frauen (37%) die politischen Präferenzen der anderen Mitarbeitenden. 61% der FDP-Wähler*innen meinen über die politische Ausrichtung ihres politischen Umfelds gut Bescheid zu wissen (CDU/CSU: 47%, SPD: 50%, Linke: 39%, Grüne: 49%, AFD: 59%)

“Gleich und gleich gesellt sich gern” gilt nicht am Arbeitsplatz

Nur 20% der Befragten finden es wichtig, dass die Kolleg*innen die eigene politische Einstellung teilen. Dieser Anteil ist bei den 18-24-Jährigen mit 29% besonders hoch und nimmt mit zunehmendem Alter tendenziell ab. Nur noch 16% der über 55-Jährigen legen auf eine Übereinstimmung wert. Dieser Anteil ist auch entlang des ganzen politischen Spektrums relativ konstant. Grüne-Wähler*innen zeigen mit einem Anteil von 17% das geringste Interesse an einer gemeinsamen politischen Einstellung (CDU/CSU: 21%, SPD: 18%, Linke: 20%, FDP: 23%, AFD: 23%). Unter den Ostdeutschen wünscht sich jede*r Vierte eine Übereinstimmung mit den Kolleg*innen, während das nur für 19% der Westdeutschen ein Anliegen ist. 

Fast die Hälfte für eine gesellschaftliche Positionierung des eigenen Arbeitgebers

Fast 48% der Befragten finden es wichtig, dass sich der eigene Arbeitgeber zu gesellschaftlichen Fragestellungen positioniert. Unter SPD- und CDU-Anhänger*innen ist der Anteil dieser Gruppe mit mit 60% und 56% am höchsten. Nur rund ein Drittel der AFD-Wähler*innen (34%) erwartet eine solche Positionierung vom eigenen Arbeitgeber (Linke: 51%, Grüne: 49%, FDP: 51%, AFD: 34%). Während 54% der Männer darauf wert legen, beträgt dieser Anteil unter den weiblichen Befragten nur 41%. 

“Die deutschen Berufstätigen zeigen sich ein Stück weit gespalten in der Frage, ob politische Themen an den Arbeitsplatz gehören oder nicht. Dass nur ein verhältnismäßig kleiner Anteil der Befragten Nachteile bei einer politischen Meinungsäußerung befürchtet, ist die positive Nachricht. Beunruhigend ist, dass ein großer Teil der Berufstätigen in den letzten fünf Jahren vorsichtiger geworden ist, sich zu politischen Themen im Arbeitsumfeld zu äußern. Das legt den Schluss nahe, dass die aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre auch eine Fortsetzung im Arbeitsleben gefunden haben, aber zu Gunsten des Betriebsfriedens oder der eigenen Karriere nicht ausgefochten werden”, erläutert Felix Altmann, Arbeitsmarktexperte bei Glassdoor. 

 

Über die Umfrage

Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage der YouGov Deutschland GmbH, an der 1.066 Berufstätige zwischen dem 10.03. und 12.03.2020 teilgenommen haben. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren. Die Zuordnung zu politischen Lagern basiert auf der Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 2017. Die fehlenden Anteile zu 100 Prozent beruhen auf “Weiß nicht/Keine Angabe”.