Gleitzeit: Das sind die Vor- und Nachteile für Arbeitnehmer:innen
Hannes Jarisch
Hannes Jarisch | Autor & Karriere-Experte bei Glassdoor | 11. Jan. 2024
Gleitzeit ist in der aktuellen Arbeitswelt ein zunehmender Trend. Für Arbeitnehmer:innen bietet er die Option auf eine bessere Work-Life-Balance und generell einen Job, der sich dem restlichen Leben besser anpasst. Neben diesen offensichtlichen Vorteilen können durch Gleitzeit aber auch neue Herausforderungen oder Nachteile entstehen. In diesem Artikel erfahren Sie, ob eines der Modelle für Sie eine gute Option ist und was Sie tun können, um Ihren Vorgesetzten von den Vorteilen der Gleitzeit zu überzeugen.
Definition: Was ist Gleitzeit?
Mit dem Begriff Gleitzeit wird ein Arbeitszeitmodell beschrieben, bei dem Mitarbeiter:innen ihre Arbeitszeiten, meist in einem vorgegebenen Rahmen, selbst bestimmen können.
Beispiel:
In einer Fachabteilung eines Konzerns legen alle Mitarbeiter:innen individuell fest, wann Sie morgens mit der Arbeit beginnen.
Der Begriff Gleitzeit drückt lediglich aus, dass Angestellte ihre Arbeitszeit frei einteilen können, nicht aber, dass weniger gearbeitet wird. Gleitzeit ist sowohl in einem Job in Vollzeit als auch in Teilzeit denkbar.
Die genaue Ausgestaltung unterscheidet sich teilweise erheblich voneinander.
Welche Gleitzeit Modelle gibt es?
1. Gleitzeit mit Kernarbeitszeit
In den meisten Fällen wird bei der Gleitzeit eine sogenannte Kernarbeitszeit festgelegt. Innerhalb dieser Kernarbeitszeit besteht eine Anwesenheitspflicht für alle Mitarbeiter:innen.
Beispiel:
Ein Unternehmen legt für seine Büro-Angestellten eine Kernarbeitszeit von 10 bis 16 Uhr fest. Der spätestmögliche Arbeitsbeginn am Morgen liegt also bei 10 Uhr, Feierabend kann frühestens 16 Uhr gemacht werden.
Wird vom Unternehmen keine Kernarbeitszeit bestimmt, können Mitarbeiter:innen ihre Arbeitszeit frei wählen, solange sie ihren Arbeitsverpflichtungen nachkommen.
2. Gleitzeit mit Funktionszeit
Im Modell Gleitzeit mit Funktionszeit gibt es keine starr festgelegte Kernarbeitszeit. Der Fokus liegt hierbei nicht auf der Anwesenheit jedes einzelnen Mitarbeiters und jeder einzelnen Mitarbeiterin in einem festgelegten Zeitrahmen. Stattdessen soll sichergestellt werden, dass in einem definierten Zeitraum die Arbeitsfähigkeit einer Abteilung sichergestellt ist.
Beispiel:
Ein Konzern legt fest, dass die hauseigene Support-Abteilung Kundenanfragen per Telefon oder E-Mail werktags in der Zeit von 9 bis 20 Uhr innerhalb von vier Stunden beantworten soll. Die Mitarbeiter:innen der Abteilung organisieren ihre Arbeitszeiten untereinander so, dass dieses Ziel sichergestellt wird.
Die Gleitzeit mit Funktionszeit bietet somit eine noch größere Flexibilität für Mitarbeiter:innen als ein Modell mit einfacher Kernarbeitszeit.
3. Gleitzeit mit Jahresarbeitszeit
Bei der Gleitzeit mit Jahresarbeitszeit verfügen alle Mitarbeiter:innen über ein Jahresarbeitszeitkonto, welches festlegt, wie viele Arbeitsstunden innerhalb eines Jahres zu absolvieren sind. Die Arbeitszeit wird dann, im vom Unternehmen vorgegebenen Rahmen, auf die einzelnen Monate und Wochen aufgeteilt.
Die Bezahlung der Mitarbeiter:innen bleibt dabei in den meisten Fällen über die einzelnen Monate hinweg konstant, auch wenn die tatsächlich geleistete Arbeitszeit variiert.
Beispiel:
Eine Mitarbeiterin verfügt zu Beginn des Kalenderjahres über ein Arbeitszeitkonto von 1.800 Stunden. Sie entscheidet sich dazu, in den Sommermonaten etwas weniger zu arbeiten und dafür die wöchentliche Arbeitszeit in den Wintermonaten zu verlängern. Am Ende des Jahres steht das Arbeitszeitkonto auf 0.
Was sind Gleittage?
Vor allem bei der Gleitzeit mit Jahresarbeitszeit ist ab und zu auch von einem Gleittag die Rede. Ein Gleittag ist ein arbeitsfreier Tag, der sich aus den Regelungen der Gleitzeit ergibt, zum Beispiel dann, wenn ein Arbeitnehmer bereits so viele Arbeitsstunden im Vorfeld geleistet hat, dass er einen gesamten Arbeitstag frei nehmen kann, ohne hierfür einen Urlaubstag zu verwenden.
Vor- und Nachteile
Das Arbeitszeitmodell der Gleitzeit bietet viele Vorteile. Allerdings gibt es auch ein paar Nachteile, die Sie bedenken sollten. Nicht für alle Arbeitnehmer:innen ist es die richtige Wahl.
Vorteile der Gleitzeit
- Job lässt sich am eigenen Arbeitsrhythmus ausrichten
- Work-Life-Balance, die den eigenen Wünschen angepasst werden kann
- Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
- Motivation durch Eigenorganisation der Arbeit
Bei einem Job mit Gleitzeit entscheiden Sie selbst, zu welcher Tageszeit Sie Ihre Aufgaben erledigen. Ihre Arbeit passt sich so an Ihren individuellen Rhythmus an, ganz egal, ob Sie eher ein Frühaufsteher sind, oder lieber ausschlafen und dafür abends länger im Büro bleiben.
„Früh im Büro und früh Feierabend - Oder genau andersherum: Mit Gleitzeit geht das“, sagt Tim Ong, Karriereberater.
Außerdem sorgt Gleitzeit, wenn sie richtig umgesetzt wird, für eine bessere Work-Life-Balance. Wichtige Termine aus dem Privatleben, egal ob Yogakurs oder die Pflege von Angehörigen, sind so einfacher mit dem Job kombinierbar. Wichtig ist das auch bei familiären Notfällen und anderen privaten Angelegenheiten.
„Ein weiterer Vorteil wird bei der Anfahrt zur Arbeitsstelle deutlich“, sagt Bewerbungscoach Saskia Roelandt. „Ein flexibler Start in den Arbeitstag ermöglicht es, mit weniger Stress auf der Arbeit anzukommen. Die Rush Hour auf der Straße wird so vermieden und Kinder werden in Ruhe zum Kindergarten gebracht.“
Die Möglichkeit, die eigene Arbeitszeit nach individuellen Wünschen zu gestalten, sorgt bei vielen Arbeitnehmer:innen außerdem für zusätzliche Motivation. Die Bedeutsamkeit der eigenen Aufgaben wird so greifbarer, was auch die Produktivität steigern kann.
Freiheit ist für viele Menschen ein sehr wertvolles Gut. Durch die Flexibilität, selbst über die eigene Arbeitszeit zu entscheiden, werde ich motivierter, da ich den Eindruck habe, selbstverantwortlich meine Zeiten zu planen.
Saskia Roelandt, Bewerbungscoach
Auch Unternehmen profitieren häufig direkt von den flexiblen Arbeitszeiten: „Gleitzeit sorgt durch zufriedenere Mitarbeiter:innen für ein besseres Betriebsklima und eine höhere Mitarbeiterbindung. Zudem erhöht ein Unternehmen so die eigene Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt.“
Nachteile der Gleitzeit
- Höherer Organisationsaufwand
- Mehr Eigenverantwortung
- Zusammenarbeit mit Kolleg:innen ist erschwert
- Gefahr des Work-Life-Blendings
Gleitzeit erfordert von allen Beteiligten einen konstant höheren Organisationsaufwand. So muss sichergestellt werden, dass trotz flexibler Arbeitszeiten alle anfallenden Aufgaben bis zur Deadline erledigt werden. Die individuelle Zeiteinteilung muss durch alle Mitarbeiter:innen so geregelt sein, dass die Abteilung stets ihr volles Potential abruft. Das erfordert von jedem einzelnen Mitarbeiter und jeder einzelnen Mitarbeiterin ein höheres Maß an Eigenverantwortung. Auch die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen ist durch das Gleitzeit-Modell komplexer. So müssen beispielsweise die Arbeitszeiten aller Mitarbeiter:innen eindeutig kommuniziert werden.
Der Organisationsaufwand ist vor allem bei Gleittagen größer, wenn sich Mitarbeiter:innen im Laufe eines Arbeitstages überhaupt nicht persönlich begegnen. Eine Option, um hierbei effizient zu bleiben, ist Jobsharing.
Ein weiterer Aspekt, der oft vernachlässigt wird, ist das Teamgefühl, welches bei Gleitzeit leiden kann. Manche Mitarbeiter:innen arbeiten lieber morgens, andere sind eher nachmittags produktiv. Bei Gleitzeit überschneiden sich die Arbeitszeiten der Angestellten daher nur bis zu einem gewissen Punkt.
Saskia Roelandt, Bewerbungscoach
Ein weiterer möglicher Nachteil ist das Work-Life-Blending, bei dem die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt:
„Manchmal ist Gleitzeit zwar offiziell eine Option, aufgrund der zu großen Arbeitsbelastung aber nicht umsetzbar. Stattdessen müssen Mitarbeiter:innen noch zusätzlich Überstunden leisten“, erklärt Tim Ong.
„Wenn ich eine feste Arbeitszeit habe, bin ich dazu verpflichtet, das Unternehmen zu festen Zeiten zu verlassen oder Überstunden zeitlich zu erfassen, die mir dann vergütet werden. Bei Gleitzeit liegt die Verantwortung der Arbeitszeiten beim Arbeitnehmer und die Gefahr des Work-Life-Blendings ist gegeben.“
Wann ist Gleitzeit sinnvoll?
Gleitzeit ist zwar ein modernes Arbeitszeitmodell, allerdings lässt es sich nicht in allen Branchen oder Berufen umsetzen.
Gleitzeit ist dann sinnvoll, wenn die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter:innen und die Ansprüche des Unternehmens befriedigt werden können.
Tim Ong, Karrierecoach und Berater
Eine Implementierung ist nur möglich, wenn die zu erledigenden Aufgaben ganz oder zumindest teilweise zeitflexibel sind, es also keine Rolle spielt, wann genau eine Aufgabe erledigt wird.
Außerdem sollten anfallende Aufgaben möglichst von unterschiedlichen Mitarbeiter:innen erledigt werden können. Für Arbeitnehmer:innen, die Experten auf ihrem Gebiet sind und über exklusives Wissen verfügen, kann es schwierig sein, in Gleitzeit zu gehen.
Branchen, in denen Gleitzeit besonders verbreitet ist
In den folgenden Jobs und Branchen ist Gleitzeit verbreitet, meist mit Kernarbeitszeit oder Funktionszeit:
- Klassische Büro-Jobs, zum Beispiel im Marketing, Accounting, Einkauf
- Jobs, in denen die Arbeitsleistung nicht von anderen Personen abhängt, wie beispielsweise bei einigen Handwerker-Tätigkeiten von Tischler:innen und Glaser:innen
- IT-Jobs, unter anderem Programmierer:innen, Softwareingenieur:innen und Web-Designer:innen
- Jobs in der Medienbranche wie Journalist:innen und Redakteur:innen
„Eine Gleitzeit ohne Kernarbeitszeit ist in Unternehmen und Bereichen sinnvoll, die unabhängig von Öffnungszeiten arbeiten“, sagt Saskia Roelandt. „Das ist beispielsweise an Forschungseinrichtungen und an Universitäten der Fall.“
Branchen ohne Gleitzeit
Gleitzeit lässt sich immer dann kaum oder gar nicht umsetzen, wenn die Anwesenheit einer bestimmten Person zu einer fest definierten Zeit unumgänglich ist. Meistens verfügt diese individuelle Person über eine Expertise, auf die nicht verzichtet werden kann.
Auch komplexe und feste Arbeitsabläufe mit mehreren Personen machen die Umsetzung schwierig.
Beispiele für Jobs mit wenig Möglichkeiten auf Gleitzeit:
- Ärzt:innen
- Lehrer:innen
- Schichtarbeiter:innen im Gesundheitssektor wie Gesundheitspfleger:innen und Altenpfleger:innen
- Schichtarbeiter:innen in der Produktion
- Mitarbeiter:innen im Einzelhandel
- Mitarbeiter:innen in der Dienstleistungsbranche wie Friseur:innen, Physiotherapeut:innen und Anwält:innen
- Jobs mit festen Arbeitsabläufen: Müllwerker:innen, Reinigungskräfte, Busfahrer:innen
So überzeugen Sie Ihren Vorgesetzten
„Bevor Sie Ihren Vorgesetzten ansprechen, sollten Sie zwei Fragen beantworten“, sagt Saskia Roelandt:
- Passt Gleitzeit zu meinem Job und meinem Unternehmen?
- Gibt es Kolleg:innen, die ebenfalls zur Gleitzeit wechseln wollen?
Seien Sie pragmatisch: Es macht nur dann Sinn, Ihren Chef oder Ihre Chefin auf Gleitzeit anzusprechen, wenn dies im Rahmen Ihres Jobs eine realistische Option ist. Außerdem hilft es natürlich, gemeinsam mit anderen Kolleg:innen das Thema vorzubringen.
Im nächsten Schritt bereiten Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten vor.
Um den Vorgesetzten zu überzeugen, ist es zunächst einmal wichtig, mögliche Bedenken Ihres Chefs oder Ihrer Chefin zu ergründen und diese zu entkräften. Ihre Aufgabe als Arbeitnehmer:in ist es, Ihrem Vorgesetzten den Wechsel zur Gleitzeit so einfach wie möglich zu machen.
Tim Ong, Karrierecoach und Berater
Vorgesetzte sehen vor allen in folgenden Punkten mögliche Herausforderungen:
- Erreichbarkeit der Mitarbeiter:innnen
- Erledigung aller anstehenden Aufgaben
- Kommunikation mit Kolleg:innen
- Kontrolle der Arbeitsergebnisse
Greifen Sie diese Themen auf und bringen Sie die im Beitrag genannten Vorteile für das Unternehmen ins Spiel.
„Sie können Ihrem Vorgesetzten beispielsweise eine Testphase für die Gleitzeit vorschlagen“, rät Tim Ong. „Nach einer festgelegten Zeitspanne setzen Sie sich dann wieder mit Ihrer Chefin oder Ihrem Chef zusammen und besprechen Ihre Erfahrungen.“
Falls Gleitzeit in Ihrem Job nicht möglich ist, Sie aber trotzdem gerne etwas flexibler in der Gestaltung Ihrer Arbeitszeit wären, ist das Arbeiten im Home Office eine mögliche Alternative.
Fazit
Gleitzeit wird zu einem immer beliebteren Arbeitszeitmodell, auch wenn es noch nicht in allen Unternehmen und Branchen anzutreffen ist. Das könnte sich aber schon bald ändern, denn Unternehmen müssen in Zeiten des Fachkräftemangels auf die Wünsche qualifizierter Arbeitnehmer:innen eingehen, wenn sie alle freien Jobs besetzen wollen. Und auch in der Vergangenheit haben Änderungen im Arbeitsmarkt eine gewisse Zeit benötigt, um sich durchzusetzen, zum Beispiel die 5-Tage-Woche oder der 8-Stunden-Arbeitstag.
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Saskia Roelandt
Saskia Roelandt ist Bewerbungscoach für Privatpersonen und Unternehmen. Ihr Ziel ist es, dass sich mehr Menschen in ihrem Job wohlfühlen, gleich welcher Hierarchieebene. Schwerpunkte Ihrer Arbeit liegen unter anderem auf der Beratung von Führungskräften und der Unterstützung im Bewerbungsprozess. Ihr Motto: Der beste Coach ist der, der selbst schon auf dem Spielfeld stand.

Tim Ong
Tim Ong ist zertifizierter Karrierecoach/-berater, Coach der Positiven Psychologie, IHK-zertifizierter Resilienztrainer und Autor der Bücher „Resilienz im Beruf für Fach- und Führungskräfte“ und „Ein Hoch auf den Montag“.

Hannes Jarisch
Hannes Jarisch ist Karriere-Experte für den Glassdoor-Blog. Erfahren Sie auf dem Autorenprofil mehr über seine langjährige Erfahrung und bisher veröffentlichte Artikel.



