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Warum immer mehr Recruiter externe Locations für Bewerbungsgespräche wählen

Persönliche Interviews bleiben allen technischen Innovation zum Trotz die meistgenutzte Möglichkeit, Bewerber kennenzulernen und mit ihnen über potentielle Rollen im Unternehmen zu reden. Dabei geht es neben fachlichen Anforderungen und Gesprächen über die Motivation und Vorstellungen auch immer mehr darum, ein gutes Verständnis der Soft Skills und der charakterlichen Eignung der Kandidaten zu erhalten um zu evaluieren, wie gut sie ins Team passen.

Unter anderem um diesem Umstand zu berücksichtigen experimentieren immer mehr Unternehmen  mit neuen Möglichkeiten, Interviews zu führen. Ein interessanter Trend ist das Organisieren von Offsite- Bewerbungsgesprächen zusätzlich zu den weiterhin obligatorischen Interviews im internen Besprechungsraum. Für solche Gespräche bieten sich beispielsweise Cafés, Parks, öffentliche Plätze oder extern angemietete Meetingräume an. Was treibt Unternehmen an, solche Orte auszuwählen?

Simulation alternierender Arbeitsumgebungen

Externe Interview-Locations versprechen gleich mehrere Vorteile, und zwar für beide Seiten. Der erste ist ein pragmatischer. Wenn Kandidaten weiter entfernt wohnen oder aus anderen Gründen Schwierigkeiten haben, das Büro zu erreichen, kann das Zustimmen zum Treffen an einem externen Ort ein nettes Entgegenkommen des potentiellen Arbeitgebers sein. Dies gilt natürlich auch, wenn die Bewerber in einer Stadt wohnen, in der die Firma (noch) keine physische Präsenz hat.

Natürlich ist ein externes Interview nicht in jedem beruflichen Umfeld eine geeignete Strategie. Die Methode ist besonders dann erfolgversprechend, wenn sie das Potential bietet, Reaktionen auf Herausforderungen zu testen, für die der Kandidat im Arbeitsalltag gewappnet sein sollte.

Beispiel Consulting: Hier kann es sich im Verlauf des Bewerbungsprozesses lohnen, einen externen Besprechungsraum anzumieten, der den zukünftigen Einsatzorten der Kandidaten bei den Kunden vor Ort ähnelt. Der Recruiter kann viel aus seinen Beobachtungen schließen. Wie verhalten sich die Kandidaten in dieser ungewohnten Umgebung? Wie selbstverständlich bewegen sie sich im Raum?

Beispiel Innenarchitektur: Das Meeting kann in einem exzentrisch designten Loft stattfinden. Die Bewerber für eine Stelle in einem Innenarchitekturbüro könnten gefragt werden, welche Designelemente des Raums ihnen nicht gefallen (und warum nicht). Im Gegensatz zu der gleichen Frage in den Räumen des Büros werden sie hier keine Scheu haben, offen zu kritisieren und freier ihre Meinung zu äußern.

Beispiel Modedesign: Kandidaten können in einem Café gefragt werden, wie sie die Outfits anderer dort sitzender Besucher beurteilen um herauszufinden, wie bewusst sie Kleidungstrends in ihrem Umfeld beobachten.

Beispiel Eventmanagement: Im stressigen Umfeld eines Restaurants am Hauptbahnhof zur Mittagszeit können Bewerber auf ihre Konzentrationsfähigkeit getestet werden. Können sie einen kühlen Kopf bewahren ohne vom Trubel abgelenkt zu werden? Und wie behandeln sie den Kellner?

Auch für weitere Konstellationen lassen sich schnell Beispiele konstruieren, die es Recruitern erlauben, auf anschauliche und praxisnahe Art und Weise herauszufinden, wo Stärken der Bewerber liegen und wie sie in Stresssituationen reagieren.

Die Location beeinflusst die Gesprächsführung

Wird ein externer Ort für das Interview gewählt, hat dies auch Einfluss auf die Gesprächsführung. Durch die entstehende Neutralität des Umfelds fühlen sich Kandidaten sicherer und weniger unter Druck gesetzt. Das empfundene Machtverhältnis ist ausgeglichener und Fragen werden von beiden Seiten gestellt aus einem vom Arbeitgeber geführten Interview wird ein lockeres Gespräch unter gleichgestellten Parteien. So kommt der Charakter des Interviewten eher zum Vorschein und es kann besser beurteilt werden, ob er oder sie gut zur Unternehmenskultur passt.

Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt externer Interviews ist, dass der sie organisierende Recruiter ein deutliches Zeichen setzt. Denn an solch unorthodoxen Methoden wird sich der Kandidat sicher noch länger erinnern, im Guten wie auch potentiell im Schlechten. Es bedarf also auch einer ausführlichen Vorbereitung auf Seite des Arbeitgebers. Im besten Fall kann sich die Firma profilieren und schon im Bewerbungsprozess zeigen, dass sie Herausforderungen anders angehen und für innovative, unkonventionelle Ideen offen ist.

Fazit: Externe Interview-Locations sind die Zukunft

Der Arbeitsalltag wird in vielen Branchen immer dynamischer und individueller. Höchste Zeit, dass sich Rekrutierungsprozesse an die resultierenden neuen Herausforderungen anpassen. Alternative Interview-Locations stellen zwar keinen Ersatz für traditionelle One-on-One Gespräch im Büro des Arbeitgebers dar, können aber eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie stellen eine spannende Bereicherung insbesondere für jene Berufsfelder dar, in denen die tatsächliche Arbeitsrealität wenig mit der strengen Situation am Besprechungstisch zu tun hat.

Bio: Philipp Kraatz ist nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mannheim nach Berlin gezogen und interessiert sich vor allem für die Sharing Economy und nachhaltiges Unternehmertum. Momentan arbeitet er als Marketing Manager bei Spacebase. Daneben studiert er Design Thinking am Hasso-Plattner Institut in Potsdam.